Die Kugel und das Opium - Verbotene Biografien



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Die Tagespost, 27. September 2016 von Michael Leh
Es war eine großartige Idee, mitten im früheren Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen ein Schauspiel mit Texten des chinesischen Dissidenten Liao Yiwu aufzuführen... ...Auch der deutsche frühere Häftling in Hohenschönhausen, Mario Röllig, wirkte in den Aufführungen mit. Diese fanden im Freien in der Gedenkstätte vor hohen Mauern mit Stacheldraht statt. Die Idee für das Theaterprojekt "Die Kugel und das Opium" - benannt nach dem Werk Liao Yiwus über das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 in Peking - hatte die Berliner Schauspielerin Johanna Marx. Sie hatte auch die künstlerische Leitung, stellte die Texte von Liao Yiwu zusammen und spielte gemeinsam mit ihrer Schauspielerkollegin Bettina Hoppe fesselnd Personen aus Liao Yiwus Werken. Im Wechsel damit berichtete Mario Röllig in der Aufführung von seinem gescheiterten Fluchtversuch aus der DDR 1987 im Alter von 19 Jahren und seiner Einlieferung nach Hohenschönhausen...

...Liao Yiwu spielte während der Aufführung auf berührende Weise auf einer langen Flöte. Wie ein Zwischenresumee, eine kurze Meditation oder eine gewisse Beruhigung klang seine Flötenmusik, wenn zuvor Johanna Marx zum Beispiel die Tochter eines Opfers der chinesischen Bodenreform gespielt hatte oder aus Liao Yiwus Gedicht "Massaker" vortrug, dessent- wegen er verhaftet wurde...

...Für die Textfassung des Schauspielstücks musste Johanna Marx aus vielen Personen in Liao Yiwus Werken eine Auswahl treffen. Sie entschied sich für Wan Yan, den Straßenkämpfer aus "Die Kugel und das Opium" sowie den alten Mönch Deng Kuan, den Komponisten Wang Xilin und die Opfer der Bodenreform aus "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser".

Wie Johanna Marx im Gespräch mit dieser Zeitung sagte, war ihr dabei wichtig, auch darzustellen, wie diese Personen das erfahrene Leid verarbeitet hätten. Der Mönch habe an seinem Glauben, die Bodenreform-Opfer an ihrem Familienideal festgehalten. Für Liao Yiwu selbst sei das Schreiben "ein Ausweg" gewesen. Liao Yiwu wolle die Geschichte festhalten, dem Vergessen entgegenwirken, den Menschen eine Stimme geben. "Das war auch meine Absicht mit diesem Theaterprojekt".

Kulturradio am Nachmittag / rbb Michaela Gericke
...Liao Yiwu saß vier Jahre im Gefängnis, nachdem er anlässlich der Studentenproteste auf dem Tiananmen-Platz in Peking das Gedicht Massaker geschrieben hatte. Yiwu ist hier ein zurückhaltender Mitspieler. Ohne ein Wort zu sprechen, sitzt er mit seiner Flöte auf einem Barhocker. Johanna Marx, Schauspielerin und Projektleiterin des Theaterabends, konfrontiert die Zuschauer mit Yiwus eigener Rezitation über einen Lautsprecher. Johanna Marx spricht hier mit Wut und Emphase die deutsche Übersetzung dieser Ballade von Liao Yiwu, der immer wieder zwischendurch mit seiner Flöte Zäsuren setzt. Er fand in der Haft zu seinem Musik-Instrument und zum heimlichen Schreiben - beides für ihn Überlebensmittel. YIWU: ich finde es notwendig, solche Erinnerungen zu verarbeiten, denn wenn das als nur Erinnerung tief im Inneren bleibt, könnte ich nicht vorangehen.

Liao Yiwu am Rande des Theaterabends. Er schrieb nicht nur eigene Erinnerungen auf, sondern auch die anderer Häftlinge. Johanna Marx will mit dieser Theaterarbeit eine Art Sprachrohr all jener sein, die Yiwu in seinen Büchern verewigt hat: Ein Straßenkämpfer, ein Mönch, ein Opfer der Bodenreform, ein Komponist. Die Schauspielerin Bettina Hoppe übernimmt den Monolog des Komponisten Wang Xilan, der - von Liao Yiwu befragt - die Kritik der Parteigenossen rekapituliert... ...Selbstkritik - auch in anderen kommunistischen oder sozialistischen Systemen ein wiederkehrender Auftrag. Diesen Ort in Hohenschönhausen kannte Liao Yiwu bislang nicht. Als er 2011 nach Berlin kam, lagen die friedliche Revolution und damit das Ende der DDR bereits 22 Jahre zurück: YIWU: ich hatte von diesem Gefängnis nichts gehört, aber der Mauerfall gehört zum Weltgeschehen .... und vielleicht wurde damals in Berlin nicht auf Menschen geschossen, weil es nur wenige Monate zuvor in China das Massaker gegeben hatte.

Eine Parallele zu ziehen zwischen der DDR und China mag gewagt sein, doch ein solcher Ansatz passt ins Konzept dieser Gedenkstättenarbeit, in der es auch darum geht, Aufmerksamkeit zu wecken gegenüber aktuellen undemokratischen Systemen. Liao Yiwu versteht zwar kein Deutsch, doch er glaubt: so ein Theater wie hier - das weist über meine eigenen Erlebnisse hinaus.